Was wir sehen, ist nicht immer das, was passiert. Warum unsere Wahrnehmung unsere Entscheidungen beeinflusst – und was wir von Fußballschiedsrichtern dabei lernen können – das wollen wir heute von einem erfahrenen Schiedsrichter erfahren. Benjamin Kammerers Haltung nach Jahren der prekären Entscheidungen ist hier sehr eindeutig. Er betont: "Bevor wir eine Entscheidung treffen, hat unsere Wahrnehmung längst entschieden, welche Informationen überhaupt bei uns ankommen." – Das klingt zunächst widersprüchlich. Schließlich denken wir normalerweise: Erst passiert etwas, dann nehmen wir es wahr und anschließend entscheiden wir, wie wir damit umgehen. – Doch so einfach funktioniert unser Gehirn nicht…
Sie zeigt uns unsere Version der Realität.
Und diese Version kann sich von Mensch zu Mensch unterscheiden.
Das bedeutet nicht, dass es keine objektive Realität gibt. – Natürlich gibt es die…
Aber was wir von dieser Realität wahrnehmen, welche Informationen wir beachten und welche Bedeutung wir ihnen geben, ist nicht objektiv.
Und genau das kann im Berufsleben einen gewaltigen Unterschied machen…
Vielleicht kennt man das berühmte Videoexperiment „Whodunit?“.
Bevor du weiterliest: Schau dir das Video an und versuche herauszufinden, wer der Täter ist…
Hintergrund: Veränderungs-Blindheit
© Mayor of London / City of London 2011
LOOK OUT FOR CYCLISTS! – THINK! – Initiative
Und? - Hast du DIE WAHRHEIT erkannt?
Wahrscheinlich hattest du eine ziemlich klare Vorstellung davon, was du gesehen hast…
Genau darin liegt das Interessante. Denn:
Unser Gehirn nimmt nicht einfach alles auf, was vor unseren Augen passiert.
Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf bestimmte Informationen.
Andere werden ausgeblendet.
Wir sehen also nicht einfach die Welt. – Wir sehen die Welt durch Filter.
Und diese Filter beeinflussen, welche Entscheidungen wir anschließend treffen.
Als Schiedsrichter habe ich das oben Beschriebene schon unzählige Male erlebt.
Eine Situation ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben…
Ich war Linienrichter bei einem Oberligaspiel. Rund 800 Zuschauer waren im Stadion.
Im Laufe des Spiels gab es viermal praktisch dieselbe Situation.
Der Torwart schlug den Ball weit nach vorne.
In dem Moment, in dem er den Ball spielte, stand der gegnerische Stürmer deutlich im Abseits.
Doch der Ball war lange in der Luft.
Und genau hier liegt der entscheidende Punkt:
Für die Entscheidung Abseits zählte der Moment, in dem der Ball gespielt war – nicht der Moment, in dem der Stürmer ihn annimmt.
Ich hatte also viermal die Fahne gehoben. Und viermal war die Entscheidung korrekt.
Die Zuschauer sahen das allerdings anders.
Beim ersten Mal war die Reaktion noch verhalten.
Beim zweiten Mal wurde der Unmut größer.
Beim dritten Mal waren die Zuschauer richtig aufgebracht.
Und beim vierten Mal wurde über mich gelacht.
Das Faszinierende daran war: Für viele der 800 Menschen im Stadion war ich irgendwann nicht mehr einfach ein Linienrichter, der möglicherweise eine falsche Entscheidung getroffen hatte…
Ich war ein lächerlich schlechter Linienrichter!
Das war die gängige Realität des Moments…
Und dennoch – trotz dieser starken Gegenmeinungen – lag ich richtig.
ABER:
Die Zuschauer hatten die Situation nicht einfach falsch gesehen.
Sie hatten auf einen anderen Moment geschaut.
Ich konzentrierte mich auf den Moment der Ballabgabe.
Sie konzentrierten sich auf den, der Ballannahme.
Dasselbe Spielfeld. Dieselbe Szene. Rund 800 Menschen. Ein Linienrichter.
Und trotzdem völlig unterschiedliche Wahrnehmungen.
Wir hatten dieselbe Realität erlebt. Aber wir hatten unterschiedliche Versionen davon wahrgenommen.
Abgesehen davon, dass sich diese Wahrnehmungs–Verschiebung natürlich extrem unfair angefühlt, hat mich die Situation noch lange auf der psychologischen Ebene beschäftigt.
Genau das selber passiert nämlich auch außerhalb des Fußballplatzes.
Ein Mitarbeiter kommt fünf Minuten zu spät zu einem Meeting.
Das ist zunächst eine Beobachtung.
Doch sehr schnell wird daraus eine Interpretation: „Er ist unzuverlässig.“
Und vielleicht anschließend eine erweiterte Bewertung: „Auf DEN kann man sich einfach nicht verlassen.“
Aber was wissen wir tatsächlich?
Vielleicht hatte ER vorher einen wichtigen Kunden am Telefon…
Vielleicht hat ER aus einer anderen Abteilung die notwendigen Informationen nicht rechtzeitig erhalten…
Vielleicht gab es bei IHM ein privates Problem…
Vielleicht ist ER tatsächlich unzuverlässig…
Wir wissen es nicht.
Trotzdem treffen wir unsere Einschätzung häufig schon, bevor wir die Situation vollständig verstanden haben.
Denn unsere Wahrnehmung wird von verschiedenen Filtern beeinflusst.
Vier davon spielen im Berufsleben eine besonders wichtige Rolle:
Perspektive. Erfahrung. Erwartung. Emotion.
Als Linienrichter hatte ich immer eine andere Perspektive als die Zuschauer.
Ich stand auf Höhe der Abwehrlinie und beobachtete genau den Moment der Ballabgabe.
Die Zuschauer saßen auf der Tribüne. Sie hatten einen anderen Blick auf das Spielfeld und konnten den entscheidenden Moment möglicherweise gar nicht so präzise verfolgen…
Das ist im Unternehmen nicht anders.
Der Geschäftsführer sieht das Unternehmen aus der Perspektive von Strategie, Umsatz und Kosten.
Der Vertriebsmitarbeiter sieht Kunden, Verkaufsziele und Wettbewerber.
Der Mitarbeiter in der Produktion erlebt Prozesse, Zeitdruck und Qualitätsanforderungen.
Die Personalabteilung sieht Mitarbeiterbindung, Recruiting und Konflikte.
Alle arbeiten im selben Unternehmen.
Aber sie stehen an unterschiedlichen Stellen auf dem Spielfeld.
Deshalb sehen sie unterschiedliche Dinge.
Wenn zwei Menschen einen Konflikt unterschiedlich bewerten, muss deshalb nicht zwangsläufig einer von beiden falsch liegen.
Vielleicht haben sie schlicht unterschiedliche Ausschnitte derselben Realität wahrgenommen.
Erfahrung ist ein gewaltiger Vorteil.
Ein erfahrener Schiedsrichter erkennt Situationen schneller.
Er kennt typische Bewegungsmuster, weiß, worauf er achten muss, und kann aus kleinen Signalen wichtige Informationen gewinnen.
Ein unerfahrener Schiedsrichter muss dieselbe Situation vielleicht viel bewusster analysieren.
Auch im Berufsleben ist Erfahrung deshalb wertvoll. – Aber…
Ein erfahrener Verkäufer hört einen Kunden sagen: Wir müssen darüber noch einmal nachdenken.
Und erkennt vielleicht sofort: Da liegt noch Arbeit vor uns…
Ein unerfahrener Verkäufer hört denselben Satz und denkt: Das klingt doch vielversprechend.
Und lehnt sich abwartend zurück…
Erfahrung hilft uns zwar, schneller Muster zu erkennen. – Aber genau darin steckt auch eine Gefahr.
Denn irgendwann kann aus Erfahrung auch Überzeugung werden, ein: Das kenne ich schon.
Und dann hören wir möglicherweise nicht mehr richtig zu.
Der erfahrene Schiedsrichter kann eine Situation schneller einordnen.
Aber er kann dadurch auch Gefahr laufen, eine Situation vorschnell in eine bekannte Kategorie einzuordnen.
Erfahrung kann unsere Wahrnehmung schärfen – aber sie kann sie auch verengen.
Das gilt auch für Führungskräfte.
Wer zehn Jahre lang erlebt hat, dass bestimmte Projekte immer wieder an denselben Problemen scheitern, entwickelt ein gutes Gespür dafür.
Aber vielleicht ist dieses NEUE Projekt anders…
Vielleicht hat sich der Markt verändert…
Vielleicht ist das Team anders aufgestellt…
Vielleicht ist genau das, was gestern noch richtig war, heute nicht mehr richtig… – gerade in unserer schnelllebigen Zeit.
Unsere Erwartungen beeinflussen ebenfalls, was wir wahrnehmen.
Wenn du als Schiedsrichter weißt, dass ein Spieler bereits mehrfach durch harte Zweikämpfe aufgefallen ist, beobachtest du seinen nächsten Zweikampf möglicherweise besonders aufmerksam.
Wenn du als Führungskraft einen Mitarbeiter bereits als „schwierig“ abgespeichert hast, kann eine kritische Nachfrage im nächsten Meeting plötzlich ganz anders wirken.
Beim ersten - neutral betrachtbaren - Mitarbeiter denkst du: Gute Frage…
Beim zweiten – vorbelasteten: Da ist er wieder. Er muss immer dagegen sein…
Das Verhalten der betreffend Beurteilten, kann identisch sein. Unsere Interpretation ist es nicht…
Aus solchen menschlichen Vorgängen, kann ein gefährlicher Kreislauf entstehen:
Erwartung → Wahrnehmung → Interpretation → Entscheidung → Bestätigung der Erwartung
Wir erwarten ein bestimmtes Verhalten.
Wir achten stärker auf alles, was diese Erwartung bestätigt.
Wir treffen auf dieser Grundlage eine Entscheidung.
Und am Ende scheint unsere ursprüngliche Einschätzung bestätigt. – Der Mitarbeiter ist „schwierig“.
Vielleicht stimmt das alles. – Vielleicht haben wir aber auch einfach gelernt, nach Beweisen genau dafür zu suchen.
Der vielleicht stärkste Filter für Wahrnehmung, ist unsere eigene emotionale Verfassung.
Stell dir einen Schiedsrichter vor, der ein Spiel zu Anfang – völlig entspannt – leitet.
Und dann denselben Schiedsrichter zehn Minuten später:
Ein Spieler hat ihn gerade lautstark beschimpft.
Der Trainer protestiert.
Das Stadion pfeift.
Eine wichtige Entscheidung wurde gerade kontrovers diskutiert.
Der Puls ist hoch.
Dann passiert ein weiterer Zweikampf.
Objektiv ist der neue Zweikampf der gleiche, wie zuvor – egal in welcher Situation er stattfindet.
Aber wir sind nicht dieselben… – Also reagieren wir neu.
Stress, Ärger, Angst oder auch Euphorie verändern unsere Wahrnehmung.
Das erleben wir im Berufsalltag ständig. Noch ein Beispiel?
Ein Mitarbeiter macht einen kleinen Fehler.
An einem ruhigen Dienstagmorgen denken wir: Kann passieren.
Am Ende eines zwölfstündigen Arbeitstages… – Nach drei Problemen, verärgerten Kunden und einem wichtigen Termin…
Da kann derselbe Fehler plötzlich das Fass zum Überlaufen bringen.
Übrigens nicht, weil der Fehler größer geworden ist. – Sondern weil wir anders geworden sind…
Deshalb lohnt sich bei wichtigen Entscheidungen manchmal eine erstaunlich einfache Frage:
„Würde ich diese Situation genauso beurteilen, wenn ich gerade völlig entspannt wäre?“
Im Fußball gibt es inzwischen eine technische Antwort auf einen Teil der Entscheidungs-Probleme: den Video Assistant Referee - kurz VAR.
Der VAR kann eine zweite Perspektive liefern.
Zeitlupe, Wiederholung, andere Kamerawinkel, …
Informationen, die der Schiedsrichter auf dem Spielfeld nicht haben konnte.
Das ist zweifellos hilfreich. - Aber auch der VAR löst ein grundlegendes Problem nicht:
Irgendjemand muss die Bilder interpretieren!
Technik liefert viele Informationen.– Die Entscheidung trifft der Mensch.
Genau das ist auch im Berufsleben relevant.
Wir verfügen heute über mehr Informationen als je zuvor. Dashboards, Kennzahlen, Kundenfeedback, Mitarbeiterbefragungen, Marktanalysen, CRM-Systeme und inzwischen auch künstliche Intelligenz liefern uns ständig neue Daten.
Aber mehr Informationen bedeuten nicht automatisch bessere Entscheidungen.
Auch Daten müssen ausgewählt, gewichtet und interpretiert werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Welche Informationen habe ich?
Sondern: Welche Informationen nehme ich möglicherweise gerade gar nicht wahr?
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus dem „Whodunit?“-Experiment…
Manchmal liegt die Information, die wir brauchen, direkt vor unseren Augen. – Wir sehen sie trotzdem nicht.
Nicht, weil wir zu doof sind.
Nicht, weil wir unaufmerksam sind.
Sondern weil unsere Aufmerksamkeit gerade auf etwas anderes gerichtet ist.
Genau das kann im Beruf teuer werden.
Eine Führungskraft konzentriert sich auf die Leistung eines Mitarbeiters und übersieht dessen Überlastung.
Ein Vertriebsteam konzentriert sich auf den Umsatz und übersieht, dass die Kundenbindung gerade einbricht.
Ein Projektteam konzentriert sich auf die Einhaltung des Zeitplans und übersieht ein Qualitätsproblem.
Ein Geschäftsführer konzentriert sich auf die Zahlen und übersieht die Stimmung im Unternehmen.
Der Täter ist dabei nicht zwingend schuldig - der Mörder muss nicht wirklich ein Täter sein.
Der gesamte Vorgang nicht unbedingt ein geplanter Plot…
Quergedacht: Der Vorgang kann eine Information sein, eine Perspektive – ein Problem oder eine Chance.
Nur eine neue, vielfältige Betrachtung liefert hier auch eine bessere Entscheidung.
Durch den Blick auf Etwas, das verschwindet, wenn es nicht in unsere Wahrnehmungsfilter passt…
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Unsere Wahrnehmung können wir nicht vollständig ausschalten.
Und wir sollten es auch nicht versuchen.
Unsere Erfahrung, unsere Intuition und unsere Erwartungen sind wichtige Werkzeuge.
Aber wir können lernen, sie zu hinterfragen?
Was habe ich tatsächlich beobachtet? Und welche Perspektive fehlt mir?
Welche meiner Erfahrungen beeinflusst gerade meine Einschätzung?
Was habe ich erwartet – und suche ich vielleicht unbewusst nach einer Bestätigung?
Welche Emotionen beeinflussen mich gerade?
Und vielleicht die wichtigste Frage: Was sehe ich gerade nicht?
Als Schiedsrichter habe ich gelernt:
Eine gute Entscheidung hängt nicht nur davon ab, WAS ich sehe…
Sie hängt auch davon ab, WIE ich sehe…
Das gilt auf dem Fußballplatz…
Und es gilt im Berufsleben!
Denn bevor wir eine Entscheidung treffen, hat unsere Wahrnehmung längst entschieden, welche Information überhaupt bei uns ankommt.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht immer nur versuchen, bessere Entscheidungen zu treffen.
Vielleicht sollten wir zuerst lernen, unsere Perspektive zu überprüfen.
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Fotos: HubSpot KI